Die Demontagepolitik der Briten in den Nachkriegsjahren

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Potsdamer Konferenz und Demontageziele

Ein Beispiel für die Demontage kriegswichtiger Industrien: Britisches Militär bei der Demontage der Holmag Werke in Kiel-Friedrichsort im Mai 1946. Von Deutschland soll keine Gefahr mehr ausgehen. (Quelle: LASH, Abt. 2003.2 Nr. 1240)

Auf der Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 beschließen die Siegermächte, dass Deutschland denazifiziert, demilitarisiert, demokratisiert und dezentralisiert werden soll. Eine zentrale Frage betrifft die Reparationen. Man einigt sich darauf, dass diese über den Abbau von Industrieanlagen und nicht, wie von der Sowjetunion gefordert, über Geldzahlungen erfolgen. Auch Patente und Herstellungsverfahren zählen zu den zu „demontierenden“ Werten. Die Besatzungsmächte sollen den Reparationsbedarf aus ihren jeweiligen Besatzungszonen entnehmen, doch die Sowjetunion erhält einen Teil der in den Westzonen demontierten Fabriken und Maschinen. Dafür soll sie Nahrungsmittel und Rohstoffe in den Westen liefern. Im März 1946 wird ein Industrieplan veröffentlicht: Die Produktionsmöglichkeiten Deutschlands werden auf das Niveau des Krisenjahres 1932 begrenzt.

Britische Demontagepolitik

Für die Briten steht der Reparationsfrage die Sicherheit vor jeder eventuellen deutschen Aggression in der Zukunft im Vordergrund. Das Hauptziel Sicherheit soll durch eine sogenannte zerstörende Demontage von Betrieben mit Kriegspotential erreicht werden. Zweites Motiv ist die Stärkung der britischen Wirtschaft durch den Wiederaufbau demontierter deutscher industrieller Anlagen im eigenen Land. Allerdings hat Großbritannien während des Krieges seinen Produktionsbereich so enorm ausgebaut, dass es diesen nach Kriegsende reduzieren muss. Aus Deutschland will man deshalb keine größeren Anlagen transferieren. Außerdem sollen die Deutschen in der Lage sein, für sich selbst zu sorgen. Von Interesse sind daher nur ausgesuchte Betriebe, mit denen Lücken im britischen Exportprogramm geschlossen werden können, zudem ein Teil der Handelsflotte, Goldreserven und überseeische Anlagen, weiterhin technische und wissenschaftliche Kenntnisse.

Die Lage auf der Carlshütte

Am 29. August 1947 veröffentlichen die Briten und Amerikaner eine Liste der Betriebe, die für Reparationszwecke demontiert werden sollen. In Schleswig-Holstein sind 44 Betriebe betroffen. Das ist vergleichsweise wenig, die Demontagepläne sind auf Nordrhein-Westfalen konzentriert. Unter Nr. 450 ist die Carlshütte genannt. Die Demontagedrohung bleibt bis Anfang 1949 real.

Am 1. Oktober 1946 erfährt die Firmenleitung der Carlshütte von der britischen Militärregierung in Kiel, dass das Werk zur Demontage vorgesehen ist. Obwohl die Carlshütte noch im August 1947 auf der Demontageliste der Bizone aufgeführt ist, wird sie nicht abgebaut. Einzig eine Teildemontage wird vorgenommen: Sie betrifft die Stahlgießerei, die während des Krieges errichtet worden war und ohnehin bereits wieder abgebaut ist.

Stärkung der deutschen Wirtschaft vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts

Im Winter 1946/47 herrschen katastrophale Zustände in den Westzonen: Die Lebensmittelversorgung bricht zusammen, viele Menschen erfrieren und verhungern. Da die Sowjetunion den vereinbarten Lebensmittel- und Rohstofflieferungen in die westlichen Zonen nicht nachkommt, spitzt sich die Lage zu. Schließlich veranlasst der stellvertretende amerikanische Generalgouverneur Lucius D. Clay einen Stopp der Reparationslieferungen an die Sowjetunion. Damit leitet er eine Neuorientierung in der amerikanischen Deutschlandpolitik ein: Die deutsche Selbstverantwortlichkeit soll gefördert, die Demontage auf Kriegsindustrien strikt beschränkt werden.

Die Briten gehen zwar nicht ganz konform mit dem amerikanischen Kurs, doch eigene Interessen werden dem Wunsch untergeordnet, das Wohlwollen Washingtons zu sichern. Für die Westmächte bedeutet die Sowjetunion mittlerweile eine größere Gefahr als Deutschland. Mit dem steigenden Misstrauen gegenüber der Sowjetunion beginnen die Alliierten, ihre Zonen wirtschaftlich aufzubauen. Im Oktober 1947 tritt in der am 1. Januar 1947 gegründeten Bizone ein deutlich reduziertes Demontageprogramm in Kraft.

1950 werden die Demontagen im Westen eingestellt. Nur 38 Prozent der im ursprünglichen Programm aufgeführten Werke sind demontiert. Die Reparationen mindern die industrielle Kapazität Westdeutschlands lediglich um etwa 4 Prozent. Die industrielle Kapazität der Bundesrepublik ist um 11 Prozent höher als 1936. In der Wahrnehmung der Deutschen wiegt die Demontage schwerer als sie tatsächlichen Schaden angerichtet hat.


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